Ilisu-Staudamm (Türkei)

Am Tigris in Südostanatolien entsteht der Ilisu-Staudamm, eines der umstrittensten Wasserkraftprojekte der Welt. Im Frühjahr 2008 wurde mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen, damals noch mit tatkräftiger Unterstützung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und ihrer nationalen Exportkreditagenturen (ECAs). Nach drei Jahren öffentlicher Proteste in Europa und der Türkei und fortlaufender Missachtung internationaler Standards kündigten die drei Länder im Juli 2009 ihre Verträge mit der Türkei und es kam im Sommer 2009 zu einem Baustopp. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren die ausführlichen und äußerst deprimierenden Berichte der von den ECAs eingesetzten unabhängigen Expertenkomissionen zu Menschenrechten und Umsiedlungsplan, zu Umweltschutzmaßnahmen sowie zum Kulturerbeschutz. Auch die europäischen Banken und Unternehmen zogen sich daraufhin aus dem Projekt zurück.

Eine Ausnahme dabei ist die österreichische Andritz AG. Das Unternehmen hält weiterhin an „Ilisu“ fest und hat in Folge – im Wissen über die Probleme im Projekt – sogar die Aufträge der vormaligen Partnerfirmen übernommen. Im Frühjahr 2010 wurden die Bauarbeiten wieder aufgenommen, die Türkei finanziert nun das Projekt mittels zusätzlichem Geld türkischer Banken (ohne Gelder aus Europa) und setzt es gegen den Willen vieler Betroffener um. Mittlerweile ist der Staudamm bereits kurz vor der Fertigstellung und die historische Stadt Hasankeyf steht kurz vor der Überflutung (Stand Juni 2016).

 

zug nach hasankeyf

Protestzug nach Hasankeyf. Das Bild entstand im September 2007 am Ufer des Tigris in der Jahrtausende alten Stadt Hasankeyf. Die Menschen protestieren gegen den bevorstehenden Untergang der Stadt im Stausee des Ilisu-Damms. (Foto: FT Watch/ECA Watch Österreich)

Um dem Staudamm und dem entstehenden riesigen Stausee zu weichen, müssen zigtausende von Menschen ihre Heimatorte für immer zurücklassen, Siedlungen und wertvolles Ackerland werden geflutet. Seit den ersten Übersiedlungen im Jahr 2012 wird die Bevölkerung im Staugebiet sukzessive abgesiedelt, mit vielen negativen Begleiterscheinungen für die Menschen. Der Umzug der Bewohner aus dem Dorf Ilisu etwa entpuppte sich als große Enttäuschung für die Betroffenen. Die neuen Häuser sind von geringer baulicher Qualität und die Menschen in Neu-Ilisu können hier neben der schwer verfügbaren zusätzlichen Erwerbsarbeit nur schlecht mit Gartenbau und Fischfang ihre Existenz sichern. Viele mussten für die neuen Häuser hohe Kredite aufnehmen, da sie für ihr altes Land viel zu gering entschädigt wurden und sitzen jetzt in einer Schuldenfalle.

Der Staudamm wird auch generell schwerwiegende Auswirkungen auf die Region haben: Etwa 400 Kilometer Flusslauf des Tigris und seiner Nebenflüsse werden stark beeinträchtigt – durch den Einstau flussaufwärts und durch den Schwallbetrieb flussabwärts des Kraftwerkes. Unterhalb des Dammes werden künstliche Flutwellen das bestehende Ökosystem zerstören, Lebensraum für zum Teil weltweit bedrohte Arten und für eine bislang wenig erforschte Flora und Fauna. Die ethnischen Konflikte in Anatolien werden verschärft und über 200 bekannte archäologische Fundstätten vernichtet, darunter die berühmte antike Stadt Hasankeyf, in deren Umfeld sich 23 Kulturen verewigt haben, nicht zu reden von vermuteten aber noch unbekannten Stätten aus weit über 10 000 Jahren Menschheitsgeschichte.

Das Projekt steht zudem im Widerspruch zu internationalen Abkommen, da die Nachbarstaaten Syrien und Irak nicht konsultiert wurden, obwohl es auch hier große Auswirkungen aufgrund der verringerten Durchflussmengen geben wird – etwa auf die berühmten Mesopotamischen Sümpfe im Deltagebiet von Euphrat und Tigris.

Weitere Informationen unter: www.stopilisu.com

Artikel: Reisebericht von Ulrich Eichelmann, Riverwatch (ehemaliger Leiter der Stop Ilisu Kampagne, April 2015)

Aktueller Bericht: Lizzie Porter für Middle East Eye (Juni 2016)

 

Letzte Aktualisierung: September 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.