Biodiversitäts-Offsetting

Eine Lizenz zur Naturzerstörung?

>> Fact Sheet zu Biodiversitäts-Offsetting

Biodiversität – die Vielfalt von pflanzlichem und tierischem Leben – ist von immenser Wichtigkeit für das Wohlergehen unserer Erde und der Menschheit. Ihren voranschreitenden Rückgang zu verhindern ist deshalb unbedingt nötig. Doch die Ziele der EU-Biodiversitätsstrategie bis 2010 wurden keinesfalls erreicht. In der neuen Strategie für 2020 soll nun Biodiversitäts-Offsets (Ausgleichsmechanismen) ein hoher Stellenwert zukommen. [1]

Offsetting

Auf verschiedenen Wegen wird versucht, Biodiversitäts-Offsetting in der EU einzuführen. Einer davon läuft über die neue Einrichtung der Europäischen Investitionsbank EIB: Die ‚Natural Capital Financing Facility‘ (NCFF) lenkt gezielt Gelder von LIFE (dem EU-Finanzinstrument für Umwelt und Klima) in Offsets [2].

Auch wird gerade an einer „No Net Loss“-Initiative gearbeitet, die erreichen soll, trotz sogenannten Entwicklungsfortschritten (wie Straßenbau, Pipelines, Bergbau) keinen Biodiversitäts-Nettoverlust zu verursachen. [3] Offsets sollen ermöglichen, dass die Zerstörung eines Habitats mit der Schaffung oder dem verstärkten Schutz eines anderen „äquivalenten“ Habitats sozusagen „ausgeglichen“ bzw. „offgesetted“ wird. Das für die Zerstörung verantwortliche Unternehmen kann dadurch selbst eine andere Fläche restaurieren oder (häufiger) in ein Offset-Projekt investieren, das beispielsweise über ein System von „Habitat Banking“ angeboten wird. Biodiversitäts-Offsetting erscheint angesichts geringer staatlicher Umweltbudgets als attraktiver Weg, um über die Privatwirtschaft Geldmittel für Naturschutz aufzustellen.

Doch zahlreiche Argumente zeigen auf, dass es sich bei Biodiversitäts-Offsets im besten Fall um eine Farce und eine neue Profitmethode, teilweise aber sogar um eine „Lizenz zur Naturzerstörung“ handelt [4]. Dass marktbasierte Offset-Systeme ineffektiv sind hat auch das Vorläuferprojekt, der Emissionshandel, zur Genüge bewiesen.

Feine Unterschiede zwischen Ausgleichsmechanismen – mit großen Folgen
Die Kompensation von Schäden ist in Österreich kein neues Feld des Naturschutzes. So kann es möglicherweise sinnvoll sein, beim Ausbau einer notwendigen Buslinie mindestens die Anzahl der dafür gefällten Bäume wieder anzupflanzen – selbst, wenn sie danach am grünen Ortsrand sicherlich nicht mehr den gleichen Zweck erfüllen wie im grauen Innenbezirk. Der Sinn davon sollte sein, dass Naturzerstörung generell verboten ist und nur bei unvermeidbaren und demokratisch legitimierten Projekten Ausnahmen gemacht werden.

Das Problem liegt nicht darin, dass Ausgleichsmechanismen ein kleiner Bestandteil von Naturschutz waren und sind, sondern, dass sie zu einem Instrument ausgebaut werden, von dem Umweltpolitik vermehrt abhängig wird. Naturschutzregulierungen und Genehmigungsverfahren werden dadurch aufgeweicht.

Bei den Offsets, die derzeit diskutiert und eingeführt werden, handelt es sich meist um ein marktbasiertes Instrument. Dies würde bedeuten, dass der Projektbetreiber ein handelbares Zertifikat kaufen kann, welches ihm letztendlich erst das Recht zum Zerstören gibt. Wo Gesetzte vorher durch Höchstlimits gewisse Aktivitäten nicht erlaubten und strafbar machten, werden diese Obergrenzen damit zu Untergrenzen –  Verbote verwandeln sich in Preise. [5] So können Offsets, die gewissermaßen ein „Greenwashing“ der Firmenaktivität bedeuten, dazu dienen, überhaupt erst die Erlaubnis für ein Projekt zu erhalten – das dann beispielsweise zum „grünen Minenprojekt“ stilisiert wird. [6]

So investiert beispielsweise die IFC-Weltbankgruppe in das höchst umstrittene größte Bergwerkprojekt Afrikas in Guinea, Simandou, obwohl aufgrund der Zerstörung von Schimpansen-Habitaten durch die Mine die IFC-Richtlinien verletzt werden. Denn Offsets ermöglichen den Schutz von Habitaten an anderer Stelle, womit die Richtlinien erfüllt sind. [7]

Unter den Akteuren, die besonders an Offsets interessiert sind, befinden sich darum allen voran Unternehmen wie BP, Shell oder Río Tinto, Privatbanken wie Goldman Sachs und JP Morgen, in Kooperation mit großen Naturschutzverbänden, UN- und nationalen Entwicklungs-Organisationen. Zahlreiche Initiativen sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen, um die Durchsetzung der Offsets voranzutreiben, insbesondere Business & Biodiversity Plattformen auf nationaler oder EU-Ebene [8] oder das Business and Biodiversity Offsets Programme (BBOP) [9]. Dass hinter einem Offset-System in Wahrheit ein Marktinteresse steht, verdeutlicht, dass das Ziel dieses neu erschaffenen Handels in erster Linie Profit und nicht Umweltschutz ist.

Kritik an Biodiversitäts-Offsetting
Biodiversitäts-Offsets sind nicht nur aufgrund der ihr zugrundeliegenden Markt- und Profitlogik zu hinterfragen sondern auch wegen zahlreicher anderer Kritikpunkte:

1. Biodiversität und Ökosysteme sind hochkomplex und somit nicht berechenbar und in Zahlen bzw. Geld ausdrückbar. Sie sind ortsspezifisch und darum unersetzbar. Um Offsets zu rechtfertigen, müssen viele Vereinfachungen vorgenommen werden, die meist demselben Projektbetreiber, der die Berechnungen anstellt, dienlich sind. Natur in all ihrer Vielfalt, Komplexität, lokalen Spezifität, kulturellen Eingebundenheit wird in äquivalente Ökosystem-Einheiten abgepackt.

In Großbritannien lautet die einfache Formel, mit der Offsetter den Wert ihres Ökosystems bestimmen: „Biodiversitätseinheiten = Habitatgebiet x Habitatzustand“ [10]. Standort und Typus werden aufgrund derer Unvergleichbarkeit vernachlässigt. Durch eine Berechnung oder monetäre Bewertung wird jedoch eine gewisse Vergleichbarkeit bzw. Äquivalenz zwischen verschiedenen Ökosystemen hergestellt, die für den Handel nötig sind. Ausgeglichen kann dadurch nur die Natur werden, die für Zahlen und das Kapital sichtbar ist. [11]

2. Offsetting ignoriert außerdem die soziale Dimension und die Verbundenheit der lokalen Bevölkerung mit ihrer Umwelt. Ein neues Naturerholungsgebiet in mehreren Kilometer Entfernung ist vielleicht ökologisch sinnvoll, nicht jedoch sozial.

3. Lokale Widerstände gegen die Zerstörung ihrer Umwelt werden durch Offsets leichter delegitimiert, da es heißt, die Natur würde an einem anderen Ort wiederhergestellt werden. [12]

4. Auch die zeitliche Komponente wird bei Offsets selten berücksichtigt: Damit die berechnete Biodiversität bzw. Ökosystemdienstleistung tatsächlich annähernd „ausgeglichen“ wird, müsste die Offset-Fläche (wie ein REDD+ Waldprojekt) meist jahrzehnte- oder jahrhundertelang geschützt werden. Wer aber garantiert, dass nach dem Stopp von Zahlungen nicht auch der Schutz gestoppt wird? [13] Ein unabhängiges Monitoring müsste jahrzehntelang andauern, was aufgrund der hohen Kosten und fehlenden Expertise höchst unwahrscheinlich ist. [14]

5. Es ist selten nachprüfbar, ob ein Offset-Projekt, das wiederum Zerstörung an anderer Stelle ermöglicht, tatsächlich zusätzlich ist. Wer garantiert, dass ein Habitat nicht auch ohne Zahlungen geschützt worden wäre? Was in der Zukunft passiert wäre, ist oft reine Spekulation. Die Erfahrung mit den Emissions-Offsets CDM zeigt, dass viele Projekte keineswegs zusätzlich sind und somit sogar zu mehr Verschmutzung führen. [15]

6. Der Handel mit Offset-Zertifikaten, also mit  fiktiven Waren, öffnet die Türen für Betrug. Dies ist insbesondere der Fall beim Finanzmarkthandel über “Species Banks“, „Habitat Banks“ und andere Handelsplattformen. [16]

7. Sind die Offsets marktbasiert, so wird Naturschutz abhängig von Markt und fluktuierenden Preisen für Offset-Zertifikate. Dies macht überdies auch deshalb die Berechnung des Geldwerts der Natur sinnlos, da die Preise ohnehin meist an der Nachfrage orientiert sind. Ist die Nachfrage zu gering, muss der Schutz eines Waldes womöglich wieder gestoppt werden – während vorher dessen Schutz ohnehin gesetzlich festgelegt war.

8. Bisherige Erfahrungen mit langjährigen Biodiversitäts-Offset-Programmen in Australien, den USA und Kanada haben bewiesen, dass die Mehrheit der Projekte ihre Ziele der „No Net Loss“ nicht erreicht haben. [17]

All diese Gründe lassen die Schlussfolgerung zu, dass „Offsetting is worse than doing nothing“ (Kevin Anderson des Tyndall Center) [18]. Offsets koppeln Naturerhaltung an Naturzerstörung. Der Schutz einer Fläche A wird letztendlich durch die Zerstörung der Fläche B kompensiert und finanziert. Offsets sind somit eine Lizenz zur Zerstörung. Noch dazu erzeugen sie die Illusion, dass ein „Weiter wie bisher“ unserer Lebens- und Produktionsweise durchaus ökologisch nachhaltig gestaltbar sei und ohnehin etwas für Umweltschutz getan wird.

>> Deklaration: NEIN zu Biodiversitäts-Offsetting >> Fact Sheet: Biodiversitäts-Offsetting
>> Kurzfilm: Biodiversitäts-Offsetting
>> Informationen zur No Net Loss Initiative der EU
>> Beantworteter Konsultations-Fragebogen von Finance & Trade Watch

Weiterlesen: Der Artikel „Wir schützen die Umwelt…woanders“ von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

————————————————–

[1] FERN (2014): Briefing 1: Was ist Biodiversität und warum ist sie wichtig? www.fern.org/sites/fern.org/files/Biodiversity1_DE.pdf

[2] http://ec.europa.eu/environment/biodiversity/business/assets/pdf/ncff.pdf

[3] http://ec.europa.eu/environment/nature/biodiversity/nnl/index_en.htm  http://bbop.forest-trends.org/pages/biodiversity_offsets

[4] www.theguardian.com/environment/2013/sep/05/biodiversity-offsetting-proposals-licence-to-trash

FERN (2014): Briefing Note 2: Biodiversity Offsetting in Practice www.fern.org/sites/fern.org/files/Biodiversity3_EN.pdf

[5] S.37 ff: Fatheuer, Thomas (2013): Neue Ökonomie der Natur. Eine kritische Einführung. www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur_kommentierbar.pdf

Siehe Video des Vortrags von Jutta Kill: http://www.youtube.com/watch?v=aGCIctPcHdw

[6] Siehe East Asia Minerals über ihr „‘green’ mining project“: http://www.eaminerals.com/s/NewsReleases.asp?ReportID=454841&_Type=News-Releases&_Title=East-Asia-Minerals-Announces-Acquisition-of-50-of-Carbon-Conservation-Pty

Siehe Artikel über Häuserbau in Essex, der durch Offsets erst erlaubt wurde: http://www.out-law.com/en/articles/2014/may/biodiversity-offsetting-saves-essex-housing-scheme/

Siehe auch Bericht des World Business Council for Sustainable Development: WBCSD (2012): Biodiversity and ecosystem services scaling up business solutions. Company case studies that help achieve global biodiversity targets. http://www.wbcsd.org/Pages/EDocument/EDocumentDetails.aspx?ID=14923&NoSearchContextKey=true

[7] Siehe: www.brettonwoodsproject.org/wp-content/uploads/2013/12/Simandou-Questions-and-Considerations_finaldoc.pdf ;

S. 17: Kill, Jutta (2014): Trade in Ecosystem Services. When ‚payment for environmental services‘ delivers a permit to destroy.  www.wrm.org.uy/html/wp-content/uploads/2014/04/Trade-in-Ecosystem-Services.pdf

[8] http://www.business-biodiversity.eu ; http://business-and-biodiversity.at/

[9] http://bbop.forest-trends.org

[10] FERN (2014): Briefing 2: Was ist „Biodiversitäts-Offsetting“ und warum ist es problematisch? www.fern.org/sites/fern.org/files/Biodiversity2_DE_0.pdf

[11] Robertson, Morgan (2006): The Nature that Capital Can See: Science, State, and Market in the Commodification of Ecosystem Services. In: Society and Space, 24, 367-387

[12] S.8, 14: Kill, s.o.

[13] S.14: Kill, s.o.

[14] FERN (2014): Briefing 2, s.o.

15] CDM-Watch et al. – 84 Civil Society Orginazations (2012): Civil Society Letter to the CDM Policy Dialogue Panel. http://carbonmarketwatch.org/civil-society-letter-to-the-cdm-policy-dialogue-panel/

[16] Davies, Nick (2007): The inconvenient truth about the Carbon Offset Industry. In: The Guardian. (16.6.2007) http://www.theguardian.com/environment/2007/jun/16/climatechange.climatechange

S.10 ff: Kill, s.o.

[17] J.T. Quigley & D.J. Harper: (2006): Effectiveness of fish habitat compensation in Canada in achieving no net loss. Environ Manage. 2006 March: 37(3):351-66;  http://www.nap.edu/catalog.php?record_id=10134  http://www.gao.gov/products/GAO-05-898  http://www.fern.org/sites/fern.org/files/Critical%20review%20of%20biodiversity%20offsets.pdf

[18] Andersen, Kevin (2012): The Inconvenient Truth of Carbon Offsets. http://www.nature.com/news/the-inconvenient-truth-of-carbon-offsets-1.10373