Hintergrund zu Finanzialisierung der Natur

„Die Umwelt ist Teil der Wirtschaft und muss ordentlich in sie integriert werden, damit Wachstumschancen nicht verpasst werden“. [1]

Dieter Helm, Vorsitzender des Naturkapital-Komitees, ist ganz im Trend der Zeit. Den ökonomischen Wert von Natur darzustellen wurde in den letzten Jahren vermehrt als progressiver Lösungsvorschlag für die fortschreitende Umweltzerstörung erachtet. Inzwischen führt die Umsetzung dieser Methode jedoch nicht nur zu einer neuen Welle von Land Grabbing sondern stellt auch eine große Gefahr für Natur- und Klimaschutz dar [2]. Was sind die Gründe dafür und wie kann diesem dominanten Trend, eine ‚neue Ökonomie der Natur‘ [3] durchzusetzen, entgegengetreten werden.

Die Berechnung und monetäre Bewertung von sogenanntem „Naturkapital“, Zahlungen für „Ökosystemleistungen“ [4], Biodiversitäts-Offsets, Emissionshandel und dessen Offsets (v.a. die Clean Development Mechanism CDM), das marktbasierte Waldschutzprogramm REDD+… , sie alle stellen relativ neue und immer bedeutendere Instrumente des Klima- und Umweltschutzes dar. Instrumente, welche kompatibel mit unserem aktuellen Wirtschaftssystem sind und somit den Schutz über Geld und Märkte regeln.

Dadurch, dass Natur einen Geldwert bekommt, sollen Anreize geschaffen werden, Investitionen in grüne Bereiche umzulenken. Denn Umwelt- und Klimaschutz diene Wettbewerbschancen und könne profitabel sein, so die Logik der Green Economy (bzw. Green Growth). Diese derzeit von globalen Akteuren vorangetriebene Strategie verspricht, Umwelt- und Klimaschutz mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung in Einklang zu bringen [5]. Eine Win-Win-Situation!?

Formulieren wir dieselbe Logik etwas anders, so bedeutet das: Natur ist dann schützenswert, wenn 1. der Schutz Profitzwecken dient, dieser 2. möglichen höheren Einkünften aus Ressourcenausbeutung nicht im Wege steht bzw. profitabler ist als Umweltverschmutzung und wenn 3. unsere derzeitige Produktions- und Lebensweise nicht beeinträchtigt wird. „Die zentrale Idee ist, dass wir Natur verkaufen, um sie zu schützen“ (Melissa Leach, Herausgeberin der JPS-Sonderausgabe zu Green Grabbing) [6].

Der Prozess der Finanzialisierung der Natur

Selbst, wenn diese Logik von BefürworterInnen einer monetären Naturbewertung vorerst nicht unbedingt beabsichtigt ist, läuft die sogenannte Internalisierung der Umweltkosten in einem Wirtschaftssystem, das auf stetem Wachstum und Wettbewerb basiert, fast unvermeidlich darauf hinaus: Hat Natur erstmal einen Preis, so wird sie vergleich- und austauschbar mit anderer Natur. Sie wird privatisierbar und handelbar, vermehrt auch über die Finanzmärkte.

Genau dies ist mit dem Begriff der „Finanzialisierung der Natur“ gemeint: Die wichtiger werdende Rolle von Natur für Finanzmärkte sowie der Umstand, dass der Handel mit Natur verstärkt über Finanzmärkte läuft. Die Finanzialisierung der Natur umschließt einen längeren Prozess. Dazu gehören vorerst die Definition und Messung des Gegenstands (das CO₂, die Speicherkapazität des Waldes, die Bestäubungsfähigkeit von Bienen, etc.) sowie die Definition von Eigentums- oder Nutzungsrechten und somit meist deren Privatisierung. Der Prozess umfasst ebenso das Zur-Ware-werden („Inwertsetzung“) und die Festlegen eines monetären Geldwerts. Erst dadurch kann der Naturgegenstand gehandelt und finanzialisiert werden [7].

Viele Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass es schon am ersten Schritt hakt, nämlich an der genauen Bemessung von sogenannten Ökosystemleistungen. Noch weniger möglich ist die tatsächliche Schaffung von Vergleichbarkeit bzw. Äquivalenz zweier Ökosysteme und erst recht die Festlegung eines objektiven Geldwerts dafür. Dabei werden viele Fragen ausgeblendet: Wer definiert den Naturwert? Welche Interessen stehen dahinter? Was wird mit hineingerechnet, was nicht? Ist Wert gleich Preis? Kann z.B. der intrinsische Wert einer Linde am Dorfplatz oder das spirituelle Verhältnis einer indigenen Gemeinde zu ihrem Territorium mit Geld ausgedrückt werden? Genau dies wird derzeit getan – nicht ohne Widerstand…

Die Finanzialisierung der Natur bedeutet auch, dass Konzerne, Hedge Fonds, Pensionsfonds und andere Finanzmarktakteure nicht nur immer mehr Kapital sondern auch immer mehr Macht über unsere Natur und das Umweltmanagement gewinnen. Also Akteure, die keinerlei Interesse an Klimaschutz haben sondern allein auf hohe Renditen und somit auch auf verstärkte Ressourcenausbeutung und Kommerzialisierung aus sind [8]. Deren starkes Interesse an der Weiterentwicklung von Naturkapital-Berechnungen und marktbasiertem Umweltschutz wird sehr schnell deutlich, wenn man sich die Mitglieder und Förderer der jeweiligen Programme ansieht [9].

Ein Ausweg aus der Krise?
Der Grund dafür, dass in den letzten Jahren marktförmiger Klimaschutz und „Naturkapital“ boomen, ist unsere derzeitige Vielfachkrise [10]. Insbesondere die Klima-, Energie- und Umweltkrisen lassen die Widersprüche zwischen der Wirtschaft und deren knapper werdenden natürlichen Grundlagen immer deutlicher aufscheinen. Dadurch wird Natur immer wertvoller und somit eine Quelle für Profit.

Anstatt also aus dem Verlust von fossilen Brennstoffen und Biodiversität darauf zu schließen, dass sich unsere Produktions- und Lebensweise grundlegend ändern sollte, wird die Knappheit der Natur ökonomisch nutzbar gemacht. Dies dient insbesondere der gleichzeitigen Wirtschafts- und Finanzmarktkrise. Um diese Krisen, die sich durch ein zu Viel an frei zirkulierendem Kapital kennzeichnen, (kurzfristig) zu überwinden, sucht das Kapital nach neuen profitablen Anlagemöglichkeiten – also neuen inwertzusetzenden Sphären, die noch nicht in den Markt integriert sind. Land, Wasser, Biodiversität oder die Atmosphäre werden dabei nicht unbedingt zur produktiven Verwertung verwendet sondern dienen vermehrt als Spekulationsobjekte zur Erzielung von Renten [11].

Keine falschen Lösungen!
Im Zusammenhang mit der drohenden Zerstörung eines jahrhundertealten legendären Waldes in England für Autobahnbau, die durch Biodiversitäts-Offsets (d.h. durch das Pflanzen neuer Bäume) legitimiert wird, warnt George Monbiot vor der großen Gefahr einer Internalisierung der Natur als neue Ware für die Wirtschaft:

Wenn man die Sprache und Werte seiner Gegner annimmt, ‘verliert man, weil man deren Gerüst stärkt’. Die Natur monetär zu bewerten erweckt den Anschein, dass sie keinen inhärenten Wert hat; dass sie nur dann wert ist, geschützt zu werden, wenn sie Dienstleistungen für uns erbringt; dass sie ersetzbar ist. Man demoralisiert und entfremdet diejenigen, die die natürliche Umwelt lieben, während die Werte derjenigen, die dies nicht tun, gestärkt werden. [12]”

Das Ziel der ‘neuen Ökonomie der Natur’ ist, die Naturschutzgesetzgebung in ein reines Handelsinstrumentarium zu verwandeln. Dadurch profitieren diejenigen, die Geld haben, um den Marktpreis für Natur und deren Zerstörung zu zahlen. Gesetzliche Obergrenzen der Klima- und Umweltverschmutzung werden dadurch zu Untergrenzen: Denn Überschreitungen könnten straffrei einfach durch Offsets ‘ausgeglichen’ werden [13].

Eine wahrhaftige Lösung für die Klima- und Umweltkrise wird derweilen durch die Green Economy Strategien untergraben. Doch eigentlich liegt sie auf der Hand: Ein ‚Weiter wie bisher‘ ist aufgrund der dringlichen Lage keine Option. Es ist höchste Zeit, fossile Energie mit erneuerbaren Energieträgern zu ersetzen sowie generell den Energieverbrauch auf das für ein ‚gutes Leben für alle‘ Nötigste zu beschränken, was in Folge auch die Extraktion fossiler Brennstoffe und vieler anderer dadurch unnötig werdender Ressourcen stark einschränken und die Zerstörung von Ökosystemen und Wäldern reduzieren würde.

Emissionen sollten dort eingespart werden, wo sie entstehen [14]. Um Klimagerechtigkeit zu ermöglichen, wäre es außerdem notwendig, der Forderung von Ländern des Globalen Südens nachzukommen, als historische Verschmutzerländer Zahlungen zu leisten, um Klimakatastrophen im Süden vorzubeugen und effektiven Naturschutz voranzutreiben. Anstatt die letzten natürlichen Gemeingüter (Commons) zu Waren zu verwandeln, sollten diese gestärkt und somit demokratische Regelsysteme, solidarische Strukturen und Subsistenz vor Profitgier gestellt werden.

 

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[1] übersetzt aus einem Artikel in The Guardian von: Monbiot, George (22.4.2014): Reframing the Planet. http://www.monbiot.com/2014/04/22/reframing-the-planet/

[2] vgl. Leach, Melissa (2012): Green Grabbing. The Social Costs of Putting a Price on Nature. (19.6.2012) http://www.tni.org/interview/green-grabbing;
Fairhead, James/ Leach, Melissa/ Scoones, Ian (2012): Green Grabbing: A New Appropriation of Nature? In: Journal of Peasant Studies 39/2, 237-261

[3] Fatheuer, Thomas (2013): Neue Ökonomie der Natur. Eine kritische Einführung. www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur_kommentierbar.pdf

[4] Kill, Jutta (2014): Trade in Ecosystem Services. When ‚payment for environmental services‘ delivers a permit to destroy.  www.wrm.org.uy/html/wp-content/uploads/2014/04/Trade-in-Ecosystem-Services.pdf

[5] UNEP (2011): Towards a Green Economy: Pathways to Sustainable Development and Poverty Eradication. www.unep.org/greeneconomy
OECD (2011): Towards Green Growth. http://www.oecd.org/greengrowth/keydocuments.htm [22.8.2013]

[6] übersetzt aus: Leach (2012), s.o.

[7] Altvater, Elmar (1991): Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des „real existierenden“ Sozialismus. Münster: Westfälisches Dampfboot
Görg, Christoph (2004): Inwertsetzung. In: Historisch Kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM) Band 6/II. Hamburg: Argument-Verlag, 1501-1506
Zeller, Christian (2010): Die Natur als Anlagefeld des konzentrierten Finanzkapitals. In: Schmieder, Falko/ Zeller, Christian et al.  (Hg.): Die Krise der Nachhaltigkeit. Zur Kritik der politischen Ökologie heute. Bern: Peter Lang Verlag, 103-135

[8] Tricarico, Antonio (2011): The ‘financial enclosure’ of the commons. Background document for the conference ‘Financialisation of natural resources – understanding the new dynamics and developint civil society responses’ Paris, http://www.un-ngls.org/gsp/docs/Financialisation_natural_resources_draft_2.pdf

[9] z.B. WAVES, FCPF, BBIP, die Verfasser der Naturkapitalerklärung, etc.

[10] Demirović, Alex/ Dück, Julia/ Becker, Florian et al. (2011): VielfachKrise im finanzmarktdominierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag

[11] Zeller, Christian (2010), s.o.

[12] übersetzt aus: Monbiot, George (22.4.2014), s.o.

[13] vgl. Kill, Jutta (2014), s.o.

[14] siehe Aufruf gegen den EU Emissionshandel: http://scrap-the-euets.makenoise.org/