„Naturkapital“

„Nicht alles was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles was gezählt werden kann, zählt!“
– Albert Einstein –

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Natur zählt. Und sie wird gezählt. Gezählt und berechnet, dies inzwischen auch immer mehr monetär: Hat Natur einen hohen Geldwert, ist sie wertvoll, so die Logik. Natur ist „Naturkapital“. Eine Quelle von Profit.
Es heißt, dass der Natur als ökonomische Größe, welche in staatliche Haushaltspläne und privatwirtschaftliche Kostenkalkulationen inkludiert werden kann, endlich Beachtung finden und Umweltschutz die Folge sein wird. Verschiedene Initiativen von Banken, Konzernen, Regierungen und Umweltschutzorganisationen treiben derzeit mit dieser Begründung die Berechnung und Buchhaltung von Naturkapital (das Natural Capital Accounting [1]) voran. Mit fatalen Folgen.

Initiativen rund um Naturkapital
Der Begriff „Naturkapital“ tauchte im Vorfeld der Rio+20-Konferenz über Nachhaltige Entwicklung (2012) immer häufiger auf und steht im Zentrum der sogenannten „Green Economy“.[2]

Pünktlich zur Konferenz wurde eine Naturkapitalerklärung (Natural Capital Declaration) veröffentlicht; unterzeichnet von über 70 Staaten und zahlreichen Banken, Konzernen (wie beispielsweise Nestlé, Coca Cola und Wal-Mart) sowie großen Umweltschutzorganisationen.[3] Das deklarierte Ziel der Unterstützer ist, neue Methoden der Einbeziehung von „Naturkapital“ in die Rechnungsführung von Unternehmen und dem Finanzsektor voranzutreiben.

Im November 2013 fand in Edinburgh die erste Naturkapital-Konferenz statt, organisiert u.a. vom UN Umweltprogramm (UNEP), dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), der TEEB for Business Coalition und der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) und besucht von über 500 Delegierten, hauptsächlich aus der Privatwirtschaft.  Aktivist*innen der Gegenveranstaltung „Forum on Natural Commons“ boten symbolisch Loch Ness auf E-Bay zum Verkauf an.[4]

Einige Regierungen, insbesondere die der G8 bzw. G20, haben sich außerdem dazu verpflichtet, in ihren Ländern Naturkapital-Berechnungen durchzuführen. Der Naturkapital-Wert soll dann z.B. in das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einfließen.

Eine weitere wichtige Initiative ist die von der Weltbank initiierte WAVES-Partnership (Wealth Accounting and the Valuation of Ecosystem Services)[5]. Auch dieses Programm ist auf den Ausbau von nationaler Rechnungsführung gerichtet und führt Pilotprojekte in acht Ländern des Globalen Südens durch, um „Best-Practice“ Beispiele zu generieren. So wurde unter anderem berechnet, dass das Naturkapital Guatemalas (ungefähr) € 105 Milliarden oder 12.338 € pro Kopf wert sei[6]. Die Wälder, Flüsse, Bienen, Käfer, Affen, die verschiedensten „Ökosystemdienstleistungen“ – sie alle erhielten einen Geldwert. Doch von wem, wie, wozu …und ist das überhaupt möglich?

Zählbare Natur?
Für eine ökonomische Bewertung der Natur müssen die komplexen und oft unerkannten Systeme in sehr spezifische, berechenbare Leistungen („Ökosystemdienstleistungen“) verwandelt werden – in fast allen Fällen ein nicht einlösbares Unterfangen. So besteht letztendlich die Notwendigkeit, sich auf die berechenbaren und ökonomisch vergleichbaren Aspekte der Natur zu konzentrieren – zum Beispiel auf die CO₂-Speicherfunktion anstatt derjenigen der ästhetischen oder spirituellen „Funktion“. Thomas Fatheuer verdeutlicht dies in seinem Buch „Neue Ökonomie der Natur“: „Um die Natur ökonomisch erfassen zu können, brauche ich eine ökonomisch erfassbare Natur.“[7] Es werden damit also die Betrachtungsweise und unser Verhältnis mit der Natur radikal verändert. Sichtbar und wertvoll wird, was berechenbar ist. Unsichtbar, was nicht berechenbar oder was für Mensch und Kapital ökonomisch unwichtig ist.

Kritiker*innen zeigen auf, dass der generelle Wert von z.B. Schmetterlingen oder der spirituelle Wert der Natur im indigenen Territorium einer Maya-Gemeinschaft unmöglich bemessen werden kann.
Diese Kritik wird teilweise von Verfechter*innen einer ökonomischen Betrachtung der Natur (zumindest rhetorisch) akzeptiert. So betont man immer wieder, dass der Preis und der Wert von Natur natürlich nicht das gleiche sei, dass ein Preis nie den ganzen Wert darstellen kann. Doch Fakt ist, dass es letztendlich doch der Preis ist, der für die Wirtschaft sichtbar und somit ausschlaggebend ist. Die Zahlen, die schlussendlich veröffentlicht werden, verschleiern, was alles nicht berechnet wurde – und ergeben deshalb eine komplett verfälschte und eindimensionale Realität.

Natur im BIP?
Auch viele große Naturschutzorganisationen sehen in den Naturkapital-Berechnungen endlich eine lange Forderung berücksichtigt: die Entwicklung von Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) und anderen makroökonomischen Kennzahlen und die Berücksichtigung der Natur in der Wirtschaft. Tatsächlich ist die langjährige Kritik an der Beschränktheit dieser wichtigen Indikatoren sehr berechtigt. Auch ist es notwendig, Unternehmen für ihre Umweltverschmutzung zur Rechenschaft zu ziehen. Dennoch ist der Naturkapital-Ansatz höchst fragwürdig und gefährlich. So wird suggeriert, das Grundübel läge in der unzureichenden Erfassung von Natur(zerstörung) bei der Rechnungsführung, an mangelnder Information und falschen Preissignalen [8]. Tatsächlich sind Konzerne und Banken jedoch deshalb so sehr an der monetären Berechnung der Natur interessiert, weil die Vermarktung und den Handel mit Natur erst durch die Schaffung von Geldwerten und Waren möglich ist. Dass Konzerne wie Coca Cola und Finanzmarktakteure neuerdings tatsächlich das Wohl der Natur und Menschen im Sinne hätten, ist und bleibt eine Illusion.

„Naturkapital“ ist leicht privatisierbar
Ein anderer Mythos, der von offizieller Seite gerne verbreitet wird, ist, dass das Gemeingut Natur trotz seines alsbald errechneten Geldwerts nicht verkäuflich sein wird. Dies ist jedoch höchst fragwürdig. Hat Natur erstmal einen Geldwert und ist dieser noch dazu in staatlichen und privatwirtschaftlichen Rechnungsplänen sichtbar, so fehlt nur noch ein kleiner Schritt, um diese auch zu Geld zu machen. Besonders in Zeiten von sich rasch wiederholenden Wirtschafts- und Finanzkrisen ist dies eine große Gefahr, die von vornherein nur ausgeschlossen werden kann, wenn die Natur nicht im BIP ersichtlich ist. Sonst könnte es leicht passieren, dass zur Überwindung von Haushaltskrisen das „Naturkapital“ privatisiert wird.

Besondere Relevanz hat dies auch für Länder des Globalen Südens. Berechnungen wie die von WAVES schaffen letztendlich arme Länder ab. Sie können suggerieren, dass z.B. das BIP von Guatemala höher als das von Frankreich ist, da Frankreich weniger Naturkapital besitzt. Dies könnte gravierende Auswirkungen auf Schuldenausgleiche oder Zahlungen in der Entwicklungszusammenarbeit haben. Außerdem ist fast vorprogrammiert, dass bei Schuldenkrisen von den Ländern verlangt werden kann, dass sie ihr Naturkapital privatisieren.

Weiterlesen: Der Artikel „Was ist die Natur wert?“ von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

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QUELLEN:
[1] Definition: „Natural capital accounting is the process of calculating the total stocks and flows of natural resources and services in a given ecosystem or region. Accounting for such goods may occur in physical or monetary terms. This process can subsequently inform government, corporate and consumer decision making as it relates to the use or consumption of natural resources and land, and sustainable behaviour. http://en.wikipedia.org/wiki/Natural_capital_accounting

[7] Fatheuer, Thomas (2013): Neue Ökonomie der Natur. Eine kritische Einführung. www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur_kommentierbar.pdf, S. 63

[8] vgl. Fatheuer (s.o.): S. 54, 62