Ökosystemdienstleistungen

Von der Modernisierung der Sprache über Natur zu deren Monetarisierung

Mit Ökosystemdienstleistungen [1] sind die „Dienstleistungen“, die die Natur für den Menschen bereitstellt, gemeint. „Die Natur stellt Nahrung, Wasser, Holz, Fasern und genetische Ressourcen kostenlos zur Verfügung, sie reguliert Klima, Überflutungen, Krankheiten, Wasserqualität und Abfallbeseitigung, sie bietet Erholung, ästhetisches Vergnügen und spirituelle Erfüllung, und sie unterstützt die Bodenbildung und den Nährstoffkreislauf.“ (UNESCO Millenium Ecosystem Assessment) [2]

Biene

Eine Dienstleistung ist ein gängiger Begriff für ein ökonomisches Gut. In unserem Alltag sind wir es gewohnt, für eine Dienstleistung, wie sie z. B. eine Friseurin bereitstellt, einen Preis zu zahlen. Wieso also sollte nicht auch für Dienstleistungen der Natur gezahlt werden?

Der Begriff entstand erstmals Ende der 1960er mit dem Ziel, eine Modernisierung der Sprache über Natur zu erreichen. Immer mehr wurde das in gewisser Weise nützliche jedoch folgenreiche Konzept, das vorgibt, Natur zerteilbar, beschreibbar und quantifizierbar zu machen, weiterentwickelt: In der Biodiversitäts-Konvention (CBD) 1992 aufgegriffen, erlangte es in der groß angelegten UN-Studie „Millenium Ecosystem Assessment“ (MA/ MEA) von 2005 endgültig den Durchbruch. In der einflussreichen TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) von 2007 wird ausdrücklich versucht, auch monetäre Bewertungen für Ökosystemdienstleistungen vorzunehmen.

Die intendierte Modernisierung und Ökonomisierung der Sprache über Natur führt also immer mehr auch zu einer tatsächlichen Monetarisierung der Natur. [3]

Pavan Sukhdev, ein ehemaliger Manager der Deutschen Bank und Koordinator der TEEB-Studie, erklärt das Ziel dahinter:
„Derzeit bezahlt niemand für die Leistungen, die uns Ökosysteme bieten. Deshalb erhalten die Menschen, die diese Systeme erhalten sollen, auch kein Geld dafür. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz, das Richtige zu tun. Deshalb müssen wir erst einmal einen Markt schaffen.“[4]

Die ökonomische Bewertung soll also dabei helfen, die Leistungen für den Menschen und die Wirtschaft sichtbar und dadurch Natur wertvoll zu machen. Heraus kommen Berechnungen wie diese: „Der ökonomische Wert der Bienenbestäubung beträgt weltweit ungefähr 256 Mrd. Euro.“ [5] Schlussfolgerungen lauten demnach: „Geht das derzeitige Bienensterben ungebremst weiter, würde das einen riesigen finanziellen Schaden verursachen.“ [6]

Doch ergeben sich dadurch einige Probleme und offene Fragen:

1. Die Bienen werden nur noch auf ihre (für den Menschen und die Wirtschaft wertvolle) Bestäubungsfunktion reduziert – eine sehr anthropozentrische und utilitaristische Sichtweise. Dem stehen andere Naturverhältnisse gegenüber, wie sie z.B. in der Forderung nach „Rechten der Natur“ [7] deutlich werden.

2. Verschiedene Studien kommen bei solch hochkomplexen Berechnungen zu unterschiedlichen Ergebnissen [8] und immer wieder wird deutlich, dass Ökosystemdienstleistungen eigentlich gar nicht messbar, geschweige denn in Geld kalkulierbar sind. Bienenverlust wird beispielsweise u.a. danach bestimmt, wie teuer die Bestäubungsfunktion durch die Ersetzung von menschlicher oder Drohnen-Arbeit wäre. „Bienen machen es billiger“, schreibt der Autor Thomas Fatheuer: „Wenn durch technischen Fortschritt oder extreme Armut die Bestäubung durch Menschen plötzlich wirtschaftlich konkurrenzfähig ist, haben dann unsere Ökosystemdienstleister [Bienen] ausgespielt? Wenn genetisch veränderte Bienen die Pestizide vertragen und die Dienstleistungen effizienter erbringen – was sind die Schlussfolgerungen?“. [9] Die Argumentation für Umweltschutz lautet durch solch Berechnungen: Effizienz.

3. Braucht es für das Sichtbarmachen des Problems wirklich eine (dubiose, nicht umsetzbare) Berechnung? Reicht das Wissen nicht aus, dass Bienen fundamental wichtig für die Natur sind und dass, wenn die Biene stirbt, auch der Mensch stirbt?

Doch wie Pavan Sukhdev’s Zitat zeigt, wird das Problem nicht nur in der Unsichtbarkeit der Ökosystemdienstleistungen gesehen, sondern auch in fehlenden Preisen und Märkten. Dafür, dass die Funktionen der Natur aufrechterhalten werden, sollen die „Eigentümer“ der Natur bezahlt werden – wobei solch „Eigentümer“ oft erst definiert werden müssen, was teilweise zur Privatisierung führt. Derzeit werden viele „innovative“ bzw. „marktbasierte“ Finanzierungsmechanismen zur Bezahlung von und zum Handel mit Ökosystemdienstleistungen ausgearbeitet. Darunter fallen vor allem PES-Systeme (Payment for Ecosystem Services), Biodiversitäts-Offsets oder auch das Waldschutzprogramm REDD+.

LITERATUR:

[1] auch manchmal Umweltdienstleistungen oder Ökosystemleistungen genannt
[2] http://www.unesco.de/mea.html)
[3] S. 24: Fatheuer, Thomas (2013): Neue Ökonomie der Natur. Eine kritische Einführung. www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur_kommentierbar.pdf
[4] http://www.focus.de/wissen/natur/tiere-und-pflanzen/artenschutz/interview-der-wert-der-artenvielfalt_aid_304636.html
[5] http://bienenschutz.at/
[6] www.welt.de/wirtschaft/article118031104/Bienensterben-vernichtet-bis-zu-300-Milliarden-Euro.html
[7] Siehe z.B.: http://derechosdelanaturaleza.org/ , http://kratzwald.wordpress.com/2012/05/01/pro-und-contra-rechte-der-natur/
[8] vgl.: UFZ Leipzig schätzt den Bestäubungswert auf $ 350 Mrd. (www.ufz.de/index.php?de=30403), französische Umweltökonomen die Kosten für die Weltwirtschaft bei weitergehendem Bienensterben auf $ 300 Mrd. (www.welt.de/wirtschaft/article118031104/Bienensterben-vernichtet-bis-zu-300-Milliarden-Euro.html), und in der University of Northampton kam man auf rund € 256 Mrd. (http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0035954; http://bienenschutz.at/).
[9] S.40 f: Fatheuer s.o.

Weiterlesen: Der Artikel „Wie man Bienen bezahlt“ von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).