REDD+

Die Finanzialisierung des Waldes

Bei REDD oder REDD+ [i] handelt es sich um ein Programm zur „Reduzierung von Treibhausgasen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung“ (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation). Dass Waldschutz höchst notwendig ist, steht außer Frage. Doch wird immer deutlicher, dass REDD(+) die falsche Lösung ist: Es bekämpft keine Ursachen, verhindert wahrhaftige Lösungen, führt zu neo-kolonialen Abhängigkeiten, macht den Wald zu einer Ware und kann zur gravierenden Einschränkungen für Waldbewohner*innen und lokale Gemeinden führen.

redd+

Wie funktioniert REDD?
REDD stellt sich als innovativen Finanzierungsmechanismus für Waldschutz dar. Diejenigen, die den Wald vor Abholzung schützen, sollen endlich dafür finanziell entschädigt werden, so das Argument. Die dafür nötigen Gelder sollen über den Emissionshandel aufgestellt werden. Gemäß Berechnungen, wie viel CO₂ ein Wald aufnimmt, können die Waldbesitzer*innen oder Staaten Emissionsgutschriften anbieten. Diese können andere Staaten, Unternehmen, Banken oder Einzelpersonen kaufen und damit ihre Treibhausgasausstöße „ausgleichen“.

Um dies überhaupt zu ermöglichen, stellen sich mehrere wichtige Fragen: Wem gehört der relevante Wald? Wie viel CO₂-Aufnahmekapazität besitzt diese Fläche? Es müssen somit Besitzrechte definiert und Berechnungen angestellt werden. Doch wer stellt diese Kalkulationen an, was wird mit einbezogen, was exkludiert? Wie kann z.B. in einer CO₂-Zahl oder Geldsumme ausgedrückt werden, dass ein Wald für manche Gemeinden lebensnotwendig und für kulturelle und spirituelle Praktiken unverzichtbar ist?

Vom Gemeingut zur Ware
Gerade in Ländern des Globalen Südens, wo REDD+Projekte derzeit im großen Maßstab vorangetrieben werden, ist oft nicht klar, wer „Besitzer“ des Waldes ist. Häufig leben indigene Gemeinden seit Jahrhunderten in ihrem angestammten Territorium, das jedoch offiziell dem Staat gehört. Die REDD+Implementierung benötigt somit die Vergabe von Landtiteln, was zur Privatisierung von Wäldern und zu Landkonflikten führen kann. Der Wald wird dabei von einem Common (Gemeingut) zu einer neuen Ware. Erfahrungen zeigen, dass Einnahmen eher an die Großgrundbesitzer oder reicheren Gemeindemitglieder gehen [ii].

Interessanterweise wird in REDD-Dokumenten meist die Hauptursache von Abholzung an kleinflächigen traditionellen Landwirtschaftspraktiken oder Feuerholzentnahme festgemacht. Große extraktive Unternehmen, die Agrarindustrie und generell der energie- und ressourcenintensive Lebensstil einer wachsenden Verbraucher*innenklasse werden vernachlässigt. Dies führt bei den REDD-Projekten oft zu starken Einschränkungen für die lokale Bevölkerung bis hin zu ihrer Vertreibung [iii].

Quantitative Berechnungen über die CO₂-Speicherfunktion oder „Senkenleistung“ sind außerdem nie objektiv möglich. Allein aus biologischen Gesichtspunkten ist dies eigentlich nicht umsetzbar. Dazu kommen die Interessen derjenigen, die den Wald berechnen – häufig Privatunternehmen. Je höher die Summe der CO₂-Aufnahme und Ökosystemdienstleistungen geschätzt wird, desto wertvoller ist der Wald. Je dunkler die Zukunft für diese Fläche aussieht, je wahrscheinlicher sie von Abholzung bedroht ist, desto mehr kann als Kompensation für die ausbleibende Zerstörung über nationale Kompensationsmechanismen oder den Finanzmarkt verlangt werden. REDD+ ist somit leicht Betrug ausgesetzt und fungiert als Wegbereiter für die Inwertsetzung und Finanzialisierung der Natur.

Im Zusammenhang mit REDD+ werden nicht nur die Senkenleistung sondern auch andere Ökosystemdienstleistungen berechnet, was keinesfalls abgekoppelt von Entwicklungen rund um Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen (PES), Biodiversitäts-Offsetting und Naturkapital-Berechnungen zu sehen ist.

Wie kam es zu REDD?
Im Jahr 2007 berechnete das UN-Beratungsgremium Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dass Waldabholzung für 17,3 % der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist[iv]. Besonders tropische Wälder gelten als wichtige Senken bzw. Kohlenstoffspeicher. In den Klimaverhandlungen wurde so immer mehr zum Ziel, auch Waldschutzprojekte in den Emissionshandel mit aufzunehmen. Insbesondere, da das Speichern von CO₂ in Wäldern deutlich billiger ist, als Emissionen bei energieintensiven Industrien zu reduzieren [v]. Aufgrund der schweren oder eigentlich unmöglichen Messbarkeit der zeitlich verschobenen Speicherkapazität und CO₂-Freisetzung bei Wäldern und wegen weiterer Kritikpunkte oder Hindernisse (wie fehlender Finanzierung) kommt dieser Prozess jedoch nur schleppend voran. Noch ist nicht klar, ob REDD(+) in ein verbindliches Kyoto-Nachfolgeabkommen aufgenommen wird – sollte dieses je zustande kommen.

Währenddessen wurde auf dem freiwilligen Emissionsmarkt schon seit Jahren mit REDD-Zertifikaten gehandelt. 2011 machten die freiwilligen Waldkohlenstoff-Transaktionen 237 Millionen US-Dollar aus [vi]. Käufer*innen sind vorwiegend große Konzerne aus oft energieintensiven Sektoren, denen die Zertifikate für ihre „Corporate Social Responsibility“-Ziele und Marketing-Zwecke (z. B. zum Verkauf von „CO₂-neutralen“ Produkten) oder zum profitablen Weiterverkauf der Zertifikate dienen. An zweiter Stelle kommen NGOs, gefolgt von Individuen, die ihren ökologischen Fußabdruck verringern wollen und beispielsweise für „klimaneutrale“ Flüge Ausgleichszahlungen tätigen.

Vorangetrieben wird REDD+ vor allem von der Weltbank, durch deren „Forest Carbon Partnership Facility“ (FCPF) und das „Forest Investment Program“ (FIP), sowie von der UNO über das Programm UN-REDD. Sie finanzieren und beraten Länder des Globalen Südens in der Vorbereitung nationaler REDD+Strategien und bei der Durchführung von Pilotprojekten [vii].

Ernüchternde Ergebnisse
Bisher sind die Ergebnisse jedoch ernüchternd: Die Umsetzung ist höchst kompliziert, kostspielig und oft politisch nicht durchsetzbar [viii]. An allen Ecken und Enden fehlt es an Finanzierung und schon jetzt sind zu viele REDD-Zertifikate auf dem Markt, was deren Preise in den Keller treibt. Dennoch wird die marktbasierte Funktionsweise von REDD auch immer mehr auf die Reduktion von Emissionen durch Landnutzung und landwirtschaftliche Tätigkeiten verschoben. Dies insbesondere über „Landscape REDD“, „Climate Smart Agriculture“ und LULUCF (Land Use, Land-Use Change and Forestry). [ix]

Doch alle diese Instrumente haben eines gemeinsam: Wird Klimaschutz auf den Markt reduziert, muss sich die Verringerung von CO₂-Emissionen unweigerlich dem Rhythmus des Wirtschaftswachstums anpassen, drastische Reduktionen sind nicht möglich [x]. Statt die Rechte indigener Völker zu stützen und nachhaltige Lebensformen zu schützen, wird die finanzielle Unterstützung vermehrt an die Erbringung von Leistungen geknüpft. Das bedeutet nicht eine Zunahme an Naturschutz, sondern ein Durchsetzen eines ökonomischen Naturverhältnisses und eine Inwertsetzung von noch als Commons organisierten natürlichen Lebensräumen.

Weiterlesen: Der Artikel „REDD: Ein problematisches Instrument für Wald- und Klimaschutz“ von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

QUELLEN:


[i] Das Plus hinter REDD steht dafür, dass neben Abholzung und Walddegradierung auch der Schutz, nachhaltiges Management und die Anreicherung der Wald-Kohlenstoffspeicher einbezogen werden.

UN-REDD (2013): REDD+ in a Green Economy. Global Symposium Report. 19-21 June 2013, Jakara, Indonesia. www.unredd.net/index.php?option=com_docman&task=doc_download&gid= 10815&Itemid=53, S. 4

[ii] Friends of the Earth Colombia: www.censat.org/apc-aa-files/ea57238fabce2b8cd3dce1d0e928d4c3/economia-verde-web_1.pdf

[iii] Friends of the Earth Colombia, s.o.

Heuwieser, Magdalena (2014): CO₂lonialismo – Green Grabbing und die Verteidigung indigener Territorien in Honduras. Diplomarbeit an der Universität Wien. http://hondurasdelegation.blogspot.co.at/2014/05/colonialismo-green-grabbing-und-die.html

[iv] IPCC (2007): Climate Change 2007. Synthesis Report. http://www.ipcc.ch/pdf/assessment-report/ar4/syr/ar4_syr.pdf, S. 36

[v] Seiwald, Markus/ Zeller, Christian (2011): Die finanzielle Inwertsetzung des Waldes als CO₂-Senke: Nutzungsrechte und Nutzungskonflikte im Rahmen der nationalen Entwicklungsstrategie in Ecuador. In: Peripherie 124/31, 417-442; S. 422 f

Tienhaara, Kyla (2012): The Potential Perils of Forest Carbon Contracts for Developing Countries: Cases from Africa. In: Journal of Peasant Studies 39/2, 551-572. S. 551

[vi] UN-REDD (2013): REDD+ in a Green Economy. Global Symposium Report. 19-21 June 2013, Jakara, Indonesia. www.unredd.net/index.php?option=com_docman&task=doc_download&gid= 10815&Itemid=53, S. 5

[vii] Corson, Catherine/ MacDonald, Kenneth Iain (2012): Enclosing the Global Commons: The Convention on Biological Diversity and Green Grabbing. In: Journal of Peasant Studies 39/2, 263-283. S. 274

[viii] Fatheuer, Thomas (2013): Neue Ökonomie der Natur. Eine kritische Einführung. www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur_kommentierbar.pdf, S. 64

[x] Leff, Enrique (2002): Die Geopolitik nachhaltiger Entwicklung. Ökonomisierung des Klimas, Rationalisierung der Umwelt und die gesellschaftliche Wiederaneignung der Natur. In: Görg, Christoph/ Brand, Ulrich (Hg): Mythen globalen Umweltmanagments: ‚Rio + 10‘ und die Sackgassen nachhaltiger Entwicklung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 92-117. S. 102